Argumente für Veganer: “Veganismus ist unnatürlich”

von Dominik Müller
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In vielen Debatten und Diskussionen über Veganismus heißt es “Veganismus ist unnatürlich” oder auch das Supplementieren von z.B. dem Vitamin B12 sei unnatürlich. Aber ist das wirklich so? Und wenn ja, bedeutet natürlich automatisch “gut” oder unnatürlich automatisch “schlecht”? Nein, das tut es nicht.

Natürlich” bedeutet nicht automatisch “gut” und umgekehrt. In der Natur gibt es viele tolle Dinge, es gibt aber auch sehr viele schreckliche Dinge. Löwen z.B. fressen die Nachkommen eines fremden Rudels, das ist natürlich. Dennoch käme niemand auf die Idee zu sagen das sei gut und schon gar nicht, dass wir das deswegen auch tun sollten.

Es gibt noch zahlreiche weitere Beispiele dazu, welche natürlichen Dinge gut sind und welche schlecht. Doch dieses eine Beispiel sollte schon deutlich genug zeigen, dass natürlich nicht mit “gut” gleichzusetzen ist. Tauchen wir nun etwas tiefer in die Materie ein und schauen uns genau an, was es mit diesem Argument auf sich hat.

Übrigens: Wenn du dich für “Löwenargumente” interessierst, dann schau mal bei unserem Beitrag ‘Argumente für Veganer: “Löwen fressen auch Fleisch”‘ vorbei. Dort findest du alle Antworten zu diesem typischen Argument gegen Veganismus. Ok, jetzt geht’s aber los!

“Natürlich” bedeutet nicht automatisch “gut”

Der Duden schreibt das Wort “natürlich” bedeutet so viel wie “in der Natur vorkommend”, “zur Natur gehörend”, “nicht künstlich vom Menschen nachgebildet”. Hier kann man jetzt von verschiedenen Ansätzen aus argumentieren. Fangen wir erst einmal damit an natürliche und unnatürliche Beispiele zu finden.

Dinge, die natürlich sind:

  • Menschen leben in Höhlen
  • Löwen fressen die Nachkommen eines fremden Rudels
  • Das Geschäft im Wald verrichten
  • Kämpfen um das Überleben

Dinge, die unnatürlich sind:

  • Supermärkte
  • Antibiotika
  • Toiletten
  • Krankenhäuser
  • Moderne Wohnungen
  • Computer und Smartphones

Klar, diese Beispiele sind gezielt gewählt. Sie sollen schlicht verdeutlichen, dass natürliche Vorgänge und Verhaltensmuster nicht zwangsläufig gut sind und umgekehrt. Ich behaupte die wenigsten von uns würden sich heutzutage wünschen natürlicherweise wieder in Höhlen leben zu können und um das eigene Überleben kämpfen zu müssen. Genauso würde niemand behaupten Supermärkte, Toiletten und die Entdeckung von Antibiotika seien schlecht für uns, einfach aus dem alleinigen Grund, weil man sie als “unnatürlich” bezeichnen könnte. Das ist Quatsch, und niemand würde das tun. In einer Diskussion über Veganismus scheint ein solches Argument dann aber doch wieder irgendwie logisch zu sein.

“Appeal to nature fallacy”

Wenn man bei einer Diskussion über Veganismus den Satz “Veganismus ist unnatürlich” zu hören bekommt, dann können wir an dieser Stelle sogar auf ein bekanntes psychologisches Phänomen verweisen. Dieses Phänomen heißt “Appeal to nature fallacy” oder “Appell an die Natur” und ist ein logischer Fehlschluss. Aus diesem Grund baut das gesamte Argument, nach dem Veganismus unnatürlich und daher schlecht sei, nicht auf Tatsachen sondern auf einem Logikfehler auf.

Es gibt noch einige andere Irrtümer, die besonders gerne in Veganismus-Debatten hervorgebracht werden. Darunter z.B. der logische Fehlschluss, bei dem auf ein scheinbar “größeres” Problem verwiesen wird, was das debattierte Problem in den Hintergrund stellen soll. Diesen Fehlschluss nennt man “Appeal to worse problem fallacy“.

Supplemente sind wichtig und gehören zur heutigen Zeit

“Woher bekommst du eigentlich deine Nährstoffe als VeganerIn?” – wer kennt es nicht. Spätestens wenn du gegenüber Freunden oder Familie erwähnst, dass du nun vegan leben möchtest, machen sich alle Sorgen, dass du nicht genügend Nährstoffe bekommst. Und verstehe mich nicht falsch, es gibt einige Dinge worauf du bei einer veganen Ernährung achten solltest, keine Frage! Das gilt aber nicht nur für VeganerInnen, sondern auch für MischköstlerInnen. Je mehr du über deine Ernährung Bescheid weißt, desto besser. Egal bei welcher Ernährungsweise.

Ein tolles Buch von Niko Rittenau rund um die vegane Ernährung und die dazugehörigen Klischees ist “Vegan-Klischee ade! Wissenschaftliche Antworten auf kritische Fragen zu veganer Ernährung” (unbezahlte Werbung). Ich selbst habe diese Buch gelesen und bin schwer überzeugt davon! Egal welche Fragen du zum Thema Veganismus und Nährstoffe hast, sie werden hier geklärt. Es wird unter anderem auch auf den Nährstoffbedarf für Schwangere, Kinder und viele Gruppen eingegangen, bei denen eine bedarfsdeckende Ernährung ganz besonders wichtig ist. Also schau einfach mal vorbei! Ich bin sicher du wirst nicht enttäuscht.

Kommen wir jetzt aber zum nächsten Punkt, nämlich dem Supplementieren von Vitatmin B12.

Vitamin B12 supplementieren

Vitamin B12 gehört hier wohl zu den bekanntesten und auch kritischsten Nährstoffen bei einer veganen Ernährung. Und das stimmt. VeganerInnen tun sich schwer rein pflanzlich an Vitamin B12 zu kommen. Bei FleischesserInnen ist das aber nicht anders. Der einzige Unterschied ist, den Tieren wird Vitamin B12 entweder über ihre Nahrung oder über Injektionen verabreicht. VeganerInnen supplementieren das Vitamin ganz einfach direkt und gehen nicht zuerst den Umweg über die Kuh, das Schwein, etc.

Ein Mangel an Vitamin B12 ist daher nicht nur ein Problem für VeganerInnen, sondern auch für alle anderen Ernährungsformen. Eine Studie von “The American Journal of Clinical Nutrition” zeigt, dass 39% der 2999 StudienteilnehmerInnen einen Vitamin-B12-Spiegel haben, der unter der empfohlenen Grenze liegt. Das bedeutet, dass Vitmain-B12-Mangel ein von der Ernährung unabhängiges Problem in unserer Gesellschaft darstellt.

Die gleiche Studie zeigt außerdem, dass B12-supplementierende TeilenehmerInnen einen deutlichen höheren B12-Spiegel aufweisen, als nicht-supplementierende. Das Supplementieren von Vitamin B12 ist demnach nicht nur notwendig für VeganerInnen, sondern ebenso empfehlenswert für die meisten MischköstlerInnen.

Wir haben Supplemente – wieso sollten wir diese dann nicht verwenden?

Wo liegt eigentlich das Problem bei B12-Supplementen oder Supplementen im Allgemeinen? Heutzutage haben wir die Technologie B12-Supplemente vegan herzustellen. Es gibt also die Möglichkeit den eigenen Vitamin-B12-Bedarf zu decken und dabei nicht auf tierische Produkte angewiesen zu sein. Es ist also kein Argument aus Sorge vor einem B12-Mangel nicht vegan zu leben. Wir brauchen keine tierischen Produkte, um unseren täglichen B12-Bedarf zu decken.

Ganz gleich ob es früher einmal notwendig war tierische Produkte zu konsumieren, um den B12-Bedarf zu decken oder aus einem anderen Grund. Heute ist es das nicht mehr. Wir leben nunmal nicht mehr im “Früher” sondern im “Jetzt”. Also nutzen wir doch einfach den erlangten Fortschritt und die entwickelten Technologien, um unseren B12-Bedarf leidfrei und ohne das Ausbeuten und Töten von unschuldigen, fühlenden, denkenden Tieren zu decken. Das hilft nicht nur den Tieren, sondern auch uns selbst.

Unser Alltag ist unnatürlich

Wir haben Smartphones, wir gewinnen Strom aus Sonnenenergie, wir leben in modernen Wohnungen und Häusern. All das ist unser Alltag – und der ist ganz schön unnatürlich. Ich bin sicher niemand würde sagen “Gut, dann werfe ich jetzt mein Smartphone weg, stelle den Strom ab und lebe im Wald – da brauche ich sowieso keinen Strom. Aber dafür lebe ich jetzt natürlich!”

Das soll einfach nur nochmal deutlich machen, dass wir jedes mal, wenn wir auf unser Smartphone schauen etwas “unnatürliches” verwenden. Auch du, wie du gerade diesen Blogbeitrag liest, bist entweder an einem Rechner oder an deinem Smartphone. Auch das ist unnatürlich. Aber das ist auch völlig in Ordnung. Denn wie wir hier gelernt haben, bedeutet “unnatürlich” nicht automatisch “schlecht”.

Der Mensch hat sich seit seiner Existenz immer weiterentwickelt und das wird er auch immer tun. Ohne diese Entwicklung stünden wir heute nicht da, wo wir heute eben stehen. Wir hätten so viel weniger und vor allem hätten wir es so viel schwerer.

Um nochmal auf das eigentliche Argument einzugehen, dass Veganismus unnatürlich sei: Selbst wenn das stimmt, dann könnte es uns allen völlig egal sein. Aber nehmen wir mal an wir einigen uns darauf, dass Veganismus tatsächlich unnatürlich (und damit “schlecht”) ist und sagen wir mal dein Gegenüber sagt er/sie wäre deshalb nicht vegan. Wenn das so ist, dann müsste er/sie aber auch direkt wieder im Wald leben, das Smartphone wegwerfen, usw. um mit der eigenen Logik konsistent zu bleiben. Wenn nicht, dann reden wir von Heuchelei, Doppelmoral oder ähnlichem.

Fazit

Kurzum: Ob Veganismus natürlich ist oder nicht, darüber lässt sich streiten. Der Versuch mit der Natürlichkeit einer Sache zu argumentieren wird generell als schlechtes Argument angesehen und ist ein altbekanntes psychologisch Muster. Man nennt es “Appeal to nature fallacy”. Dabei wird versucht zu Argumentieren, dass etwas gut ist, weil es natürlich ist oder umgekehrt. Diese Argumentationskette ist deswegen unsinnig, weil es sowohl gute, als auch schlechte Dingen in der Natur gibt. Anhand dessen, ob etwas natürlich oder unnatürlich ist, lässt sich demnach keine Aussage treffen.

Im Allgemeinen steht dieses gängige Anti-Vegan-Argument meist im Zusammenhang mit der Einnahme eines Vitamin-B12-Präparats. Das wirkt auf viele Menschen zunächst einmal unnatürlich, chemisch und insgesamt ungesund. Daher versuchen viele den eigenen Fleischkonsum mit der “natürlichen” Deckung ihres B12-Bedarfs zu rechtfertigen. Wir wissen nun aber auch, dass fast allen (Aus-)Nutztieren B12 künstlich (und damit unnatürlich) über das Futter oder über Injektionen verabreicht wird. Zudem wissen wir aus der obigen Studie, dass Menschen, die B12 supplementieren, unabhängig von der Ernährungsweise einen höheren B12 Spiegel haben als jene, die das nicht tun. Daher kann der Konsum tierischer Produkte zum Decken des B12-Bedarfs also kein Argument und auch keine Rechtfertigung sein.

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Bis dahin alles Gute, mach’s gut und bis dann!

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