Argumente für Veganer: “Menschenrechte sind wichtiger als Tierrechte”

von Dominik Müller
Argumente für Veganer: "Menschenrechte sind wichtiger als Tierrechte" Beitragsbild

“Menschenrecht sind wichtiger als Tierrechte.” Bei einer Debatte über Veganismus wird gerne vom eigentlichen Thema abgelenkt oder dein Gegenüber versucht sich durch ein scheinbar größeres Problem herauszureden.

Beim Veganismus geht es in erster Linie um die Tiere und zunächst nicht um Menschenrechte. Aber auch wer sich für Menschenrechte einsetzen möchte sollte vegan leben. Veganismus ist maximal ressourcenschonend und damit der wichtigste Schritt zur Bekämpfung des Welthungerproblems und zudem gehört der Beruf der/des Schlachthofmitarbeiter/in/s zu den Berufen mit den höchsten Raten von PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung).

Falls also jemand bei einer Diskussion das Thema wechseln und die Sprache auf Menschenrechte legen möchte, dann hast du hier bereits die Kurzfassung für eine schlagfertige Antwort. Wir tauchen jetzt noch etwas tiefer in das Thema ein und erläutern die Hintergründe und Details. Los geht’s!

SchlachthofmitarbeiterInnen werden ausgebeutet

Gerade zu Zeiten von Corona kommen einige Missstände der fleischverarbeitenden Industrie ans Tageslicht. Diese sind zwar schon lange bekannt, jedoch werden sie von Politik und Medien bislang gekonnt wegignoriert. Zu den Missständen zählen unter anderem Werkverträge in Fleischbetrieben, schwere psychische und körperliche Belastungen für MitarbeiterInnen und mehr. Sehen wir uns zunächst den Zusammenhang bzw. Unterschied zwischen dem Konzept der Werkverträge und dem der Leiharbeit an.

Fleischbetriebe geben Verantwortung durch Werkverträge ab

Vorab: Die Tagesschau bietet zum Thema Werkverträge in Fleischbetrieben einen äußerst lesenswerten Artikel an. Schau hier einfach mal vorbei.

Ok, jetzt. Zunächst muss man wissen worin der Unterschied zwischen Werkverträgen und Leiharbeit liegt. LeiharbeiterInnen bieten ihre Arbeitskraft für eine bestimmte Zeit an. Die ArbeiterInnen werden in der Regel auf Stundenbasis abgerechnet und haften außerdem nicht für etwaige Fehler oder Mängel. Im Bereich der Werkverträge sieht das anders aus. Diese richten sich an den Einkauf abgeschlossener Prozesse oder Dienstleistungen und die WerkvertragsnehmerInnen haften für Fehler oder Mängel.

In der Fleischindustrie macht man sich die ausgelagerte Verantwortung zu Nutze. So lagern Betriebe mehrere oder gar alle Prozesse an unterschiedliche Werkvertragsgeber aus und geben die Haftung für Fehler, Mängel, angemessene Entlohnung, geregelte Arbeitszeiten und vieles mehr einfach ab.

Dazu kommt laut dem Artikel der Tagesschau, dass Fleischbetriebe WerkvertragsnehmerInnen überwiegend aus osteuropäischen Ländern beschäftigen, die oftmals nicht deutsch sprechen und auch nicht über ihre Rechte informiert würden. All das löst so ziemlich alle Schranken, die zum Schutz der ArbeitnehmerInnen eingeführt wurden.

Posttraumatische Belastungsstörungen für MitarbeiterInnen von Schlachtbetrieben

Leid, Schmerz, Schreie, Blut und Tod den ganzen Tag. So ungefähr sieht der Alltag eine/r/s Schlachthofmitarbeiter/in/s aus. Abgesehen von der enormen körperlichen Anstrengung, dem hohen Verletzungsrisiko durch scharfe Maschinen, Gegenstände und Messer leiden viele SchlachthofmitarbeiterInnen an posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), wie diese Studie belegt.

Außerdem haben MitarbeiterInnen aus dieser Berufskategorie oftmals mit Albträumen und inneren Unruhen zu kämpfen. Dieser Beruf stumpft Menschen ab und lässt sie potentiell gewaltbereiter werden. Natürlich gilt das nicht für jede/n Mitarbeiter/in, dennoch sind die Auswirkungen der immer wiederkehrenden Gewalt gegen Tiere eindeutig.

Fleischbetriebe als Infektionsherd während Corona

Die Arbeitsbedingungen sind in den meisten Fleischbetrieben katastrophal. Neben schwerer körperlicher Arbeit und psychologischer Belastung sind MitarbeiterInnen während der Arbeit mangelhafter Hygiene ausgesetzt. Zudem bringen Firmen die ArbeiterInnen in viel zu kleinen Unterkünften unter, wo diese gezwungen sind (auch während Corona) auf engstem Raum und ohne Hygienemaßnahmen zusammen zu leben.

Diese Umstände sind aber schon längst bekannt. COVID-19 bringt diese jedoch endlich medienwirksam ans Tageslicht. Die Infektionsherde entspringen nicht zwangsläufig aus der Arbeit, die in Schlachtbetrieben verrichtet wird (aber auch), sondern vor allem durch die Umstände, die man speziell bei Fleischbetrieben vorfindet. Viel zu lange Arbeitszeiten, mangelnde Hygiene, schwere körperliche Arbeit, psychische Belastung und Stress im Allgemeinen.

Wer sich also wirklich auch nur ein bisschen um Menschenrechte schert, auch der/die lebt vegan. Außerdem ist Veganismus kein entweder oder. Man kann nicht nur entweder vegan leben oder MenschenrechtsaktivistIn sein. Beides ist möglich. Das eine schließt das andere nicht aus. Und wer vegan lebt, trägt automatisch zur Verbesserung der Lebensumstände vieler Menschen bei. Deshalb sollten Menschen, die sich wirklich für Menschenrechte einsetzen wollen und nicht nur eine Ausrede für ihren Fleischkonsum suchen, ebenso vegan leben.

Veganismus als Lösung des Welthungerproblems

Oftmals hört man “Der Veganismus rettet die Welt auch nicht”. Und das stimmt. Aber er ist dennoch das Einzige und Größte was man machen kann, um etlichen Problemen der Welt effektiv entgegenzuwirken.

Während wir aktuell genügend Pflanzen produzieren um 10 Milliarden Menschen zu ernähren, hungern noch immer 1 Milliarde in diesem Moment. Wie kann das sein? Die Antwort ist einfach: Wir verfüttern lebensnotwendige Lebensmittel der Menschen an Tiere, damit wir diese wiederum essen können. Ein unfassbar ineffizientes System, mal ganz abgesehen vom unvorstellbaren Leid der Tiere.

1kg Rindfleisch vs 1kg Kartoffeln in Zahlen

Albert Schweitzer Stiftung - Grafik - Was steckt in 1kg Rindfleisch?
Autor: Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt, Link zur Quelle: https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/1-kg-rindfleisch, Lizenz: CC BY 4.0, Vorgenommene Änderungen: Keine

Um eine Vorstellung zu bekommen wie ineffizient unser derzeitiges Ernährungssystem ist, hier mal 1kg Rindfleisch verglichen mit 1kg Kartoffeln in Zahlen.

RindfleischKartoffeln
Wasserverbrauch (l)15.400130
Getreide (kg)3.9 – 9.40
Treibhausgase (kg CO₂)220.18
Nutzfläche (m²)27 – 490.25 – 0.3
Quellen: Albert Schweitzer Stiftung, Das Erste: Klimaschutz auf dem Teller, top agrar online: Wasserverbrauch von Kartoffeln, Der kleine Garten: Kartoffelanbau: Welcher Ertrag im Garten?

Wie weitreichend die Aussage dieser Tabelle ist, wird erst im Folgenden klar. 82% der hungernden Kinder leben in Ländern, in denen dringend benötigte Lebensmittel an Tiere verfüttert werden, die dann in reicheren Ländern wie z.B. Deutschland gegessen werden, so dieser Artikel zum Welthungerproblem.

Wir nehmen Nahrung, die an einem anderen Ort der Welt dringen gebraucht wird und verfüttern sie bei uns im Westen an die Tiere. Aber nicht weil wir es müssen, sondern weil wir es wollen. Abscheulich.

Versorgung der Weltbevölkerung – ein logistisches Problem

Ich höre an dieser Stelle schon Fleischesser aufschreien “Ja aber selbst wenn wir diese ganzen pflanzlichen Lebensmittel hätten, auch dann würde es das Essen nicht zwangsläufig zu den hungernden Menschen schaffen.” Und auch das stimmt. Die Versorgung der Weltbevölkerung ist eine logistische Herausforderung, die zwar groß aber nicht unüberwindbar ist. Es ist aber auch nicht abzustreiten, dass der erste und wichtigste Schritt in die richtige Richtung sein muss, dringend notwendige Lebensmittel nicht an Tiere zu verfüttern, damit wir sie dann essen können, obwohl wir das gar nicht müssen.

Viele Weideflächen und Wiesen lassen sich nicht anders bewirtschaften

Auch ein beliebtes Argument ist, die landwirtschaftlich genutzte Grünfläche, die für Tiere reserviert ist, könne man gar nicht anders verwenden. Pflanzen ließen sich dort gar nicht anbauen. Während dieses Argument zu einem gewissen Grad stimmt, liegen die Argumentierenden aber zum größten Teil falsch.

Hier ein Paar Zahlen: (Zahlen und Idee aus Video von Mic the Vegan: A Solution to World Hunger? )

  • 13.4 Milliarden Hektar groß ist die gesamte Landfläche der Erde
  • 1.5 Milliarden Hektar davon werden für den Anbau von Pflanzen verwendet
  • 2.7 Milliarden Hektar der bewirtschafteten Fläche für tierische Landwirtschaft sind geeignet für den Anbau von pflanzlichen Lebensmitteln

Nochmal zum Mitschreiben: Wir verwenden aktuell 1.5 Milliarden Hektar für den Anbau von Pflanzen und könnten damit 10 Milliarden Menschen versorgen. Zusätzlich stehen uns aber weitere 2.7 Milliarden Hektar der tierisch bewirtschafteten Landfläche zur Verfügung, die geeignet für den Anbau pflanzlicher Lebensmittel wären.

Wenn man diese Zahlen hochrechnet und 2.7 Milliarden Hektar zusätzliche Fläche pflanzlich bewirtschaftet, dann kommt man auf eine unglaubliche Menge pflanzlicher Lebensmittel, die schätzungsweise zwischen 25 und 30 Milliarden Menschen versorgen könnten.

Wir haben weder ein Platzproblem, noch eine Lebensmittelknappheit. Die Herausforderung ist auch nicht allein die Logistik, sondern viel mehr die unfassbare Gier der Menschheit. Es gibt also mehr als genug Essen für alle auf unserem Planeten, wir dürfen es nur nicht an Tiere verfüttern, die wir dann am Ende essen. Verschwenderischer geht es kaum. Das einzige was noch verschwenderischer wäre, wäre die Lebensmittel einfach direkt wegzuwerfen.

Logischer Fehlschluss: “Appeal to worse problem fallacy”

Wie kommt es eigentlich, dass Menschen in einer Diskussion über Veganismus plötzlich zu Menschenrechtsaktivist/inn/en werden? Diese Reaktion ist ein bekanntes psychologisches Phänomen. Im englischsprachigen Raum nennt man dieses Phänomen “Appeal to worse problem fallacy”, was so viel bedeutet wie “Appell an ein größeres Problem Irrtum”.

Dabei versuchen die Diskutierenden ein aus ihrer Sicht schlimmeres Problem zu finden, was ein anderes Problem und dessen Wichtigkeit in den Hintergrund stellen soll. Menschen neigen zu einer derartigen Reaktion, wenn sie sich in einer Diskussion angegriffen fühlen. Man spricht insbesondere beim Veganismus auch von einer sog. kognitiven Dissonanz.

Denn die meisten FleischesserInnen und VegetarierInnen haben ähnliche oder gar gleiche moralische Vorstellungen wie VeganerInnen. Der Unterschied ist nur, dass VeganerInnen auch tatsächlich versuchen gemäß ihrer moralischen Vorstellungen zu leben.

Wenn nun beispielsweise ein/e Fleischesser/in damit konfrontiert wird, dass er/sie durch den Kauf tierischer Produkte direkt für unsagbares Tierleid verantwortlich ist, dann fühlt sich diese Person zu unrecht beschuldigt. Denn er/sie sieht sich selbst nicht als TierquälerIn und möchte schon gar nicht zu Tierleid beitragen. Doch die Taten sagen in diesem Fall etwas anderes.

Durch diesen inneren Widerspruch fühlt sich dein Gegenüber dann schnell angegriffen und neigt dazu sich mit etwa der “worse problem fallacy” herausreden oder auf ein anderes Thema ablenken zu wollen.

Fazit

Menschenrechte sind nicht wichtiger als Tierrechte. Tierrechte sind aber auch nicht wichtiger als Menschenrechte. Das tolle am Veganismus ist, dass es keine Entweder-Oder-Entscheidung sein muss. Veganismus ist passiver Aktivismus. Man kann ganz einfach vegan leben und sich gleichzeitig fur Menschenrechte einsetzen.

Und selbst wer sich nicht direkt und aktiv für Menschenrechte einsetzen möchte, selbst die/der trägt durch einen veganen Lebensstil enorm zur Besserung der Menschenrechte bei. Also ganz gleich ob jemand Menschenrechte für wichtiger als Tierrechte hält, vegan leben sollte diese Person dann so oder so.

Wir freuen uns über Anregungen!

Wenn du ein Thema für uns hast, über das wir berichten sollen, Anregungen oder Fragen, dann schreibe es uns einfach in die Kommentare oder schreibe uns eine Mail. Wir freuen uns immer von dir zu hören!

0 Kommentare
0

Related Posts

Lasse uns einen Kommentar da

* Durch Verwenden der Kommentarfunktion stimmst du der Verwendung und Verarbeitung deiner Daten zu.